Fr 4 Jan 2008
Xing beginnt das Neue Jahr mit einem kräftigen Kurssturz
Geschrieben von ijb in Kategorie Tatort Unternehmen , Organisation , Marketing , Kommunikation , Motivation , Verkauf (edit this)Die grosse Internet-Business-Plattform Xing muss gleich in den ersten Tagen des neuen Jahres einen kräftigen Kurssturz hinnehmen. Bis zu 10% fiel die Aktie an den diversen Märkten. In absoluten Zahlen verlor das Unternehmen an einem Tag bis zu 2 Mio Euro. Und das Warum ist relativ bemerkenswert…….
Bereits im November wurde den Mitgliedern mitgeteilt, dass die Business-Plattform doch nicht so ganz ohne Fremdwerbung auskommen würde. Langsam und “behutsam” - wie man es seitens der Geschäftsleitung formulierte - sollten Werbebanner auf den verschiedenen Seiten eingebaut werden. Das allein ist schon bemerkenswert, denn eine Business-Plattform, auf der die Mitglieder selbst ja täglich mit ihren eigenen Unternehmen werben - und dafür ja auch ihre monatlichen Beiträge zahlen - sollte sich den Schritt zu Fremdwerbung über eine Advertising-Agentur dreimal überlegen.
Die Mitglieder allerdings hatten zum Grossteil Verständnis für den finanziellen Mehrbedarf des Unternehmens und tauschten bereits im Vorfeld fleissig Links zu Ad-Blockern aus. Wo diese Werbung plaziert werden würde - darüber schwieg sich die Geschäftsleitung aus. Soviel wurde allerdings propagiert, dass Werbung nur für die kostenfreien Mitglieder mit eingeschränkter Nutzerfunktion sichtbar sein würde.
Am Sylvestertag mittag dann platzte die Bombe:
Eins der Mitglieder fragte vorsichtig an, ob man denn die Werbung auf den Profilseiten der Mitglieder nicht etwas anders gestalten könne, da (O-Ton) “die Profilansicht durch die Werbung schon sehr leidet”.
Ergebnis einer langen Diskussion und vielen Rückfragen untereinander (”Wie sehen Sie mein Profil?”) war, dass bereits seit sechs Wochen nicht nur Werbebanner oben, seitlich und unten auf der Plattform geschaltet werden, sondern auch mitten drin im persönlichen Profil jedes Users. Die zahlenden Mitglieder konnten sie halt (in diesem Fall leider) nicht bemerken.
Hier ein von einem Freund geschossener Screenshot meines Profils.
Das Perfide daran:
Von aussen - ohne eingeloggt zu sein - sieht man gar nichts von Werbung. Jemand, der sich neu registriert, bleibt also der Meinung, es handle sich nach wie vor um eine werbefreie Businessplattform. Ist man eingeloggt, sieht man die Werbung nur, wenn man kostenfreies Mitglied ist. Ich werbe also mit meinem guten Namen, meinem Foto (das übrigens mein eigenes Firmenlogo nicht zeigen darf - auch nicht im Hintergrund!) für Irgendwen. Von dem ich nicht mal weiss und dessen Einblendung ich auch nicht beeinflussen kann.
In den letzten Tagen gab es dann einen Aufstand der Xing-Mitglieder, in dem energisch gefordert wurde, die Werbung aus den Mitgliederprofilen heraus zu halten. Gestern abend gegen 18:00 meldete sich dann endlich der Vorstand der AG zu Wort - der ja während der Feiertage auf Urlaub war und es auch nicht für nötig hielt, via Internet etwas früher ein Statement abzugeben. Wozu auch - es waren doch nur Kunden, die Sturm auf die Bastion liefen - keine Aktieninhaber……
Relativ nüchtern wurde durch Lars Hinrichs mitgeteilt, dass die User erhört worden waren und ab heute 17:00 ein Tool zur Verfügung stehen würde, mit dem zahlende Mitglieder die Werbung in ihren persönlichen Profilen deaktivieren könnten. Eine Entschulldigung? Aber woher denn….
Veranlasst war diese Reaktion meiner Meinung nach nicht durch den Protest der Mitglieder, sondern durch den empflindlichen Kurssturz und den Beginn der Negativ-Meldungen in den Medien - siehe Heise gestern nachmittag.
Funktioniert schien es vorläufig zu haben - sogar überschwengliche Dankesworte und kleine interne Feiern in den Gruppen über diesen vermeintlichen Sieg der User waren abends überall zu lesen. Was mich persönlich den Kopf schütteln liess über soviel Naivität……
Denn Rechtler hatten bereits bemerkt, dass Fremdwerbung direkt im Profil eines Users auf einer Businessplattform entweder gegen eventuell vorhandene Werbeverbote gewisser Berufsgruppen verstossen könnte oder sogar im Rang eines Mitverschulders bei Verstoss gegen das UWG sein könnte. Je nachdem, welche Werbung grade eingeblendet würde. So wurde z.B., ein Profil eines Mitarbeiters einer deutschen Bank gesichtet, auf dem gerade Werbung für den direkten Konkurrenten zu sehen war. Oder eines Buchhänderls, der sich Werbung eines Online-Buchshops direkt auf seinem Profil gefallen lassen musste.
Heute morgen allerdings wurde mein Weltbild wieder zurecht gewrückt. Der Kampf geht weiter - und lässt hoffentlich den Kurs nochmals gewaltig sinken. Weil sich nun die Gemeinschaft der zahlenden Mitglieder auf die Seite der kostenlosen stellt und weiterhin gemeinsam gefordert wird, die Werbeeinblendungen direkt in den persönlichen Profilen der User komplett zu unterlassen. Denn meiner Ansicht nach kann man ein derartiges Unternehmen, dem jegliche Art der Social Responsibility zu fehlen scheint, nur über einen Kurssturz und somit an der eigenen Geldtasche motivieren, im Geschäftsleben noch andere Werte als die des Shareholder Values gelten zu lassen.
Nebenbei sei noch erwähnt, dass laut AGB der Plattform die persönlichen Daten der User ausschliesslich zu internen Zwecken verwendet werden. Wie dann die beauftragte Marketingagentur zu demographischen Daten der User kommt, um targeting gerechte Werbung schalten zu können, bleibt derzeit noch ungeklärt.
Ich werde weiter berichten……
…. und eine Menge anderer Blogs berichten ebenfalls:
natürlich Robert Basic
Xing milks paying members twice
Staudigl Blog
der Werbeblogger
das Gründernet
jemand, dem’s egal zu sein scheint
leben als target
webzweipunktnull
off the record
update 22:22:
Das zusätzliche Tool, mit dem Premium-Mitglieder selbst die Werbung in ihren Profilansichten deaktivieren können/müssen, kam sogar zwei Stunden früher als zugesagt. Das ist tatsächlich eine Premiere bei Xing - der Druck muss gross gewesen sein. Nach anfänglicher Weigerung wurde dann doch auf der Startseite in den News von Xing ein zusätzlicher Hinweis darauf gesetzt. Viele von den Moderatoren haben zur sicherheit via Newsletter ihre Mitglieder selbst in Kenntnis gesetzt.
Ich darf hier ja kein direktes Zitat aus den internen Diskussionen veröffentlichen, aber eine der Aussagen liess klar und deutlich erkennen, dass diese Opt-Out Version bewusst gewählt wurde. Denn eine Opt-In Version (wie sie eigentlich rechtlich vorgeschrieben ist) wäre zu wenig angenommen worden und damit der Werbeerfolg geringer gewesen. Auf den Company-Blog verlinke ich bewusst jetzt nicht - wen’s interessiert, der findet auch so hin.
Damit ist die Sache aber noch lange nicht vom Tisch. Denn die rechtlichen Bedenken, die von Juristen bereits gestern laut geäussert wurden, konnten bislang noch nicht ausgeräumt werden.
Update 6.01.2008 / 17:30
Um fast punktgenau 17:00 heute am Sonntag kam folgende Nachricht an die Mitglieder über die News auf Xing:
Xing entschuldigt sich und nimmt generell die Werbung aus den Profilen zumindest der Premium-Mitglieder
Ob das nun einem neuerlichen Kursverfall morgen früh, wenn die Börsen öffnen, vorbeugen soll oder eher auf die sehr kritische Resonanz der Mitteilung vom Gründer Lars Hinrichs auf dem Company-Blog zurück zu führen ist?
Hier noch ein sehr guter und sachlicher Blogbeitrag bei Arakel. Weitere werden sicher noch folgen……
update 8.1.2008, 00:13
ein neuer Bericht, diesmal auf einer Seite, auf der’s normalerweise weh tut…….
Financial Times berichtet am 8.1.2008
update 08.01.2008 / 18:40
Das nächste grosse Online-Medium, das sich der Sache annimmt. Und im Text mehrfach ausführt: „Da ist keine Story für die Börse mehr dahinter“
die FAZ heute
update 08.01.2008 / 22:50
Ein weiterer recht aufschlussreicher Bericht zu Internet-Werbung allgemein, der aber auch aus tagesaktuellem Anlass Xing erwähnt:
“Ich finde Autos auch spannender als Tampons” meint der Tagesspiegel
Januar 4th, 2008 at 13:01 e
auch Cornelia Kiaupa nimmt sich des Themas “am Tag danach” an:
http://seo-is-out.blogspot.com/2008/01/xing-am-tag-danach.html
Januar 4th, 2008 at 13:01 e
the story continues…..”nicht die feine Art”
nachdem ich gestern die Angelegenheit “werbung auf xing-profilen” für erledigt erklärt habe, muß ich mich heute korrigieren. Natürlich haben wir erst ein Etappenziel erreicht. Die Premium-Mitglieder können ab heute nachmittag zwar per Opt-Ou…
Januar 4th, 2008 at 14:01 e
Na sowas. Kann gar keinen Link auf meinen Blog sehen hier. Ist Dein Trackback gar SPAM? Oder nur nicht die feine Art?
Januar 4th, 2008 at 15:01 e
@ erik
??? wie üblich schreibe ich einen beitrag, hole den trackbacklink in das dafür bestimmte feld und sende den beitrag ab. links im artikel selbst sind bei mir nie als trackback-link, sondern immer als “normaler” link eingebaut.
mir ist deine frage also nicht ganz klar.
Januar 4th, 2008 at 21:01 e
Mein Blog zur Visitenkarte machen
XING hat in den letzten Tag für einigen Wirbel gesorgt. Kurz gefasst: Unter anderem bei Mtigliedern die einen Bezahlaccount haben wird in ihrem Profil Werbung so eingeblendet, dass man tw. meinen könnte, diese wäre vom jeweiligen Mitglied ev. selbst…
Januar 5th, 2008 at 13:01 e
[…] Wie vor zwei Monaten angekündigt, hat das Business Network Xing mit der Vermarktung seiner Plattform begonnen. Nach den Nutzerprotesten rund um Facebooks Werbeprogramm Beacon und studiVZs AGB-Änderung bezüglich personalisierter Werbung wirkt das, was bei Xing gerade passiert, wie ein Déjá-vu: Wieder testet ein Social Network seine Grenzen aus (in diesem Fall: Gratis-Mitgliedern angezeigte Werbung auf den Profilen von Premium-Mitgliedern, teilweise für Konkurrenzfirmen), wieder kommt es zum Protest der einiger Benutzer, und wieder wird anschließend vom Social Network ein Schritt zurückgerudert (in diesem Fall: Opt-Out-Möglichkeit für Premium-Mitglieder, so dass keine Werbung mehr auf ihren Profilen erscheint). Wer an der ausführlichen Story interessiert ist, kann sie hier, hier oder hier nachlesen. […]
Januar 5th, 2008 at 19:01 e
Trouble im Karrierenetzwerk Xing
Auf den Punkt gebracht …
Ein Artikel in der Netzeitung bringt den Trouble der letzten Tage auf den Punkt … viel besser kann man das ganze nicht schildern.
Wegen einer neuen Werbepraxis gehen viele Mitglieder des Online-Netzwerks Xing auf di…
Januar 8th, 2008 at 06:01 e
[…] Hier nochmals zum Nachlesen der Link auf mein ersten Beitrag zu diesem sehr brisanten Thema. […]
Februar 8th, 2008 at 14:02 e
Der Business-Case bei XING ist halt mit dem Bezahlmodell so ausgereizt, dass die Werbung irgendwann kommen mußte. Letztlich ist die Art der Integration, dass nur die kostenlosen Mitglieder die Werbung sehen, auch konsequent: wer nur zugucken will, sieht keine Werbung, wer es nutzen will ohne zu zahlen, sieht Werbung und wer zahlt, sieht keine Werbung.
Da es um Business Contacts geht, hat die Sache mit der Werbung natürlich einen blöden Beigeschmack, aber warum man sich deswegen so anstellen muß, weiß ich echt nicht. XING ist eh maßlos überbewertet
September 2nd, 2008 at 10:09 e
Hallo,
XING läßt anscheinend auch zu, dass Mitglieder die NS Zeit verherrlichen. Da schreibt bspw. ein Mitglied unter https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=12595703;articleid=12809669#12809669 mit Bezug der Besetzung Estlands durch Deutsche im 2. WK folgendes:
“…dass die Deutschen die Esten … in Ruhe gelassen haben… “
März 23rd, 2009 at 07:03 e
Sehr interessanter Artikel! Ich glaube mit den hingenommene Kurssturz wird es alles in Ordnung sein.Hoffentlich schaffen sie es.
April 26th, 2009 at 13:04 e
Communitys rentabel zu betreiben müssen sich die Betreiber etwas einfallen lassen! Allerdings sehe ich Werbung in Business Communitys auch als falsches Mittel. Es handelt sich hier halt um Geschäftskontakte und hier könnte die Werbung mit den Interessen des Jobs oder des Unternehmens kollidieren.